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Liebe Freundinnen und Freunde und alle, die sich für das interessieren, was mich bewegt,

Schon wieder geht ein Jahr zu Ende. Im Außen ist viel passiert, wirklich verändert hat sich nur, dass wir wohl alle wieder irgendetwas hinzugelernt haben. Ich selbst beispielsweise fange an, immer besser zu verstehen, wie sehr die im Gehirn eines Menschen herausgeformten Vernetzungen und die von diesen einmal entstandenen Verschaltungsmustern gesteuerten Verhaltensweisen, Denkmuster, Gefühle und Haltungen durch die von diesem Menschen gemachten Erfahrungen bestimmt sind. Alles, was wir Wissen und Können, was wir für wichtig halten und wofür wir uns einsetzen, haben wir direkt oder indirekt von anderen Menschen übernommen und uns in‘s eigene Gehirn gebaut. Unser Gehirn ist ein soziales Konstrukt.

Nicht alle dieser Beziehungserfahrungen waren günstig, nur wenige haben uns wirklich geholfen, die in uns angelegten Talente und Begabungen auch wirklich zu entfalten. Zu oft wurden wir zu Objekten irgendwelcher Erziehungs-, Bildungs-, Bewertungs- und Selektionsmaßnahmen gemacht und zu selten eingeladen, ermutigt und inspiriert. Zu selten haben diese anderen Personen uns etwas zugetraut, uns so gesehen, angenommen und wertgeschätzt, wie wir waren. Zu oft haben wir uns anhören müssen, dass wir so, wie wir sind nicht richtig sind. Wer selbst als Objekt behandelt wird, macht allzu leicht andere auch zu Objekten, fängt an, diese Anderen ebenfalls zu bewerten, zu kritisieren, sie in irgendwelche Schubladen zu stecken. Man lässt sich dann auf den Anderen nicht mehr ein, begegnet ihm nicht mehr in Augenhöhe und kann dann auch nichts mehr von ihm lernen. So kann niemand die in ihr oder ihm angelegten Potenziale entfalten.

Deshalb versuche ich, jeden Menschen, egal ob er noch ein kleines Kind oder ein alter Greis ist, ob er genauso oder ganz anders denkt, fühlt und handelt wie ich, ob er hier bei uns oder woanders groß geworden ist, so zu begegnen, wie ich mir wünsche, dass er auch mir begegnet: in Augenhöhe, als jemand, der seine eigenen, auch nicht immer günstigen Erfahrungen gemacht hat, der als Suchender unterwegs ist, genauso wie ich. Dass wir uns nicht länger gegenseitig zu Objekten machen, sondern einander einladen, ermutigen und inspirieren, uns gemeinsam auf den Weg zu machen, das ist mir wirklich wichtig.

Und so schwer ist es ja nicht, mit sich selbst und mit all den anderen, denen wir begegnen, etwas liebevoller umzugehen. Denn die wirklich tiefgreifenden Veränderungen vollziehen sich immer dann, wenn wir in unserem Inneren wieder etwas von dem zu spüren beginnen, was wir bei unseren Versuchen, so perfekt wie möglich zu funktionieren, in uns selbst so sehr unterdrücken mussten: unsere Lebendigkeit, die Verbundenheit, das Mitgefühl, auch unsere Sinnlichkeit und die Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten. Ich wünsche mir, dass uns das auch schon jetzt, über die Weihnachstage, aber auch in dem nun bald beginnenden Neuen Jahr, zunehmend besser gelingt.

Mit einem herzlichen Gruß und einer liebevollen Umarmung,

Gerald Hüther

P.S.: Als kurze Lektüre für die vielleicht noch freien Tagen anbei ein Gastbeitrag von mir in der Neuen Zürcher Zeitung, der dort zu Weihnachten erschien.





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